Achtsamkeit im pädagogischen Alltag – Innere Haltung als Schlüssel zu Wohlbefinden
- Heinrich Wood

- 20. Apr.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 17. Mai
In einer Welt, die oft von Hektik und Ablenkungen geprägt ist, wird Achtsamkeit zu einem immer wichtigeren Thema, insbesondere im Bildungsbereich. Achtsamkeit spielt im pädagogischen Alltag von Kindertageseinrichtungen eine zentrale Rolle. Sie trägt maßgeblich zu einer gesunden Psychohygiene und dem Wohlbefinden der Kinder und des pädagogischen Personals bei.

Die Herausforderungen im pädagogischen Alltag
Zweifelsohne ist festzustellen, dass der Alltag in einer Kita oder Schule oftmals sehr kräftezehrend sein kann. Verschiedene Einflussfaktoren wie Stress und Überforderung können pädagogische Mitarbeiter*innen oftmals an ihre Belastungsgrenze bringen. Im Extremfall resultieren daraus schwerwiegende gesundheitliche Beeinträchtigungen. Depression und Burnout sind leider nicht die Ausnahme. Um diese Entwicklung zu verstehen, müssen die zugrunde liegenden Ursachen näher betrachtet werden.
Strukturelle Rahmenbedingungen
So ist es von großer Bedeutung, mit einem differenzierten Blick auf die strukturellen Rahmenbedingungen in Kindertageseinrichtungen zu schauen. Fehlendes Personal sowie fehlende Ressourcen, wie beispielsweise Rückzugs- und Pausenräume für das Personal, können langfristig einen großen Einfluss auf das Wohlbefinden der Mitarbeiter*innen haben. Insbesondere zeigt sich, dass das kontinuierliche Einwirken von Lärm einen signifikanten Risikofaktor darstellt und langfristig zu Erschöpfungserscheinungen führen kann.
Verantwortung der Arbeitgeber
Doch was kann konkret getan werden? Arbeitsschutz und angemessene strukturelle Rahmenbedingungen sind eindeutig Aufgaben des Arbeitgebers. So sind Träger und Einrichtungsleitung dazu verpflichtet, sicherzustellen, dass die Arbeitsbedingungen angemessen sind. Das Wohl der Kinder und der einzelnen Mitarbeiter*innen sollten dabei immer an erster Stelle stehen.
Achtsamkeit und Selbstfürsorge
Doch hinsichtlich der Themen Achtsamkeit und Selbstfürsorge kann jeder Angestellte selbst Verantwortung für sich und andere übernehmen. Achtsamkeit gewinnt in der heutigen Zeit immer mehr an Bedeutung. Doch was ist die genaue Bedeutung und Definition von Achtsamkeit? Der US-amerikanische Molekularbiologe und Medizinprofessor sowie Begründer des weltbekannten Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR)-Programms Jon Kabat-Zinn stellt in diesem Zusammenhang fest: „Achtsamkeit ist eine besondere Form der Aufmerksamkeit. Einfach gesagt bedeutet Achtsamkeit nicht urteilendes Gewahrsein von Moment zu Moment. Wir kultivieren Achtsamkeit, indem wir bewusst im gegenwärtigen Augenblick aufmerksam sind. Dabei beurteilen wir unsere Erfahrung nicht nach gut oder schlecht oder danach, ob wir diese Erfahrung mögen oder nicht mögen.“
Die Bedeutung des gegenwärtigen Moments
Dabei spielt das ‚Hier und Jetzt‘ eine entscheidende Rolle, wenn der gegenwärtige Moment bewusst wahrgenommen wird. Sobald unsere Gedanken abschweifen und wir nicht mehr präsent im gegenwärtigen Moment sind, befinden sich Menschen im sogenannten ‚Autopilotenmodus‘, wie er von Kabat-Zinn passend umschrieben wird. Festzuhalten ist: „Unsere automatisierten, mechanisch ablaufenden Denkmuster sind das Gegenteil von Achtsamkeit. Achtsamkeit besteht in vollständiger Bewusstheit bezüglich all dessen, was in uns und um uns herum von Moment zu Moment geschieht, also Bewusstheit darüber, was wir sehen, hören, fühlen und denken.“
Achtsamkeit im pädagogischen Alltag
Im pädagogischen Alltag gibt es eine Vielzahl an Aufgaben, welche eine vollständige Aufmerksamkeit und Fokus der pädagogischen Fachkräfte erfordern. So haben die Kinder ganz unterschiedliche individuelle Bedürfnisse, benötigen Hilfe und Begleitung sowie Nähe und Zuneigung. Um diesen Anforderungen im Alltag gerecht werden zu können, ist Achtsamkeit von grundlegender Bedeutung. Im ‚Autopilotenmodus‘ werden Bedürfnisse der Kinder unzureichend wahrgenommen. Im schlimmsten Fall verhalten sich Pädagogen fahrlässig und verletzen maßgeblich ihre Aufsichtspflicht.
Die Perspektive der Kinder
Nils Altner zeigt auf, dass Erwachsene vermehrt die Welt wieder aus den Augen der Kinder sehen sollten: „Kleine Kinder staunen oft über die Welt. Sie erleben jeden Tag Neues, begegnen Dingen, Tieren und Menschen, die sie nie zuvor gesehen haben. Die Frische dieser Erstbegegnungen macht den Zauber der Kindheit aus. Und diese Frische überträgt sich auf uns Erwachsene, wenn wir uns vom Staunen berühren lassen.“ Dann rückt die Freude des Forschens und Entdeckens wieder in den Vordergrund. Kleine Dinge gewinnen an Bedeutung, welchen zuvor keine zugeschrieben wurde. Mit Kindern den gegenwärtigen Moment genießen. Das sind die Besonderheiten im pädagogischen Alltag, welche Kraft zurückgeben und diesen Beruf so einzigartig machen.
Achtsamkeit und Selbstfürsorge
Achtsamkeit steht aber auch in einem eindeutigen Zusammenhang mit Selbstfürsorge. Nur wenn ich mich achtsam verhalte, kann ich meinen Körper und Geist entsprechend wahrnehmen. Wenn eine Fachkraft durch Stress und Überforderung im Alltag nicht mehr bedürfnisorientiert mit Kindern arbeitet, kann dies schwerwiegende Folgen haben. Das pädagogische Verhalten und der Umgang mit Kindern erweist sich dann meist nicht mehr als reflektiert und situationsangemessen. Destruktives Verhalten, wie etwa ein lautes Schreien oder Affekthandlungen, treten dann deutlich hervor. Eine solche Eskalation gilt es unter allen Umständen zu vermeiden. Das Wohl der Kinder, der Kollegen und das Eigenwohl stehen auf dem Spiel. Und hier kommt die Achtsamkeit ins Spiel.
Achtsamkeit als Früherkennung
Achtsamkeit kultiviert ein gesundes Körpergefühl. Sehr schnell werden dann Stress, Überforderung oder Krankheiten von der Fachkraft selbstständig registriert. Die Achtsamkeit ist kein Wundermittel gegen Stress und Erschöpfung, vielmehr dient sie als Früherkennung. Dadurch ist es nämlich möglich, rechtzeitig Gegenmaßnahmen zu ergreifen, welche für das eigene Nervensystem förderlich sind. Gleichwohl ermöglicht Achtsamkeit anderen betroffenen Kollegen zu Hilfe zu kommen. Es ist von großer Bedeutung, Verantwortung für Arbeitskollegen zu übernehmen. Hier gilt es hinzuschauen und proaktiv zu handeln, bevor es zu spät ist.
Langfristige Effekte von Achtsamkeit
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Achtsamkeit und Meditation langfristige Effekte in Bezug auf das emotionale Einfühlungsvermögen haben. Dabei werden die Wahrnehmung von Körperempfindungen und äußeren Reizen verbessert. Neurologisch lässt sich das durch eine erhöhte Gehirnaktivität in den entsprechenden Arealen erklären. So werden insbesondere die Spiegelneuronen-Areale im Präfrontalen Cortex (PFC) sowie die assoziierten Regionen im Temporallappen aktiviert. Diese verbesserte Wahrnehmung ist eine kognitive Fähigkeit und kann durch gezielte Achtsamkeitspraxis erlernt werden. Dieses Training erhöht zunehmend die Aufmerksamkeit eines Menschen. Ganz konkret heißt das, durch gezieltes Achtsamkeitstraining fällt es beispielsweise einer pädagogischen Fachkraft deutlich leichter, die Aufmerksamkeit auf eine Situation oder ein Kind zu fokussieren und zu halten, sowie schneller zu bemerken, wenn Gedanken abdriften. Es gelingt danach effektiver, mit Störungen wie Lautstärke umzugehen, sie auszublenden oder zu akzeptieren.
Die Vorteile von Achtsamkeit
Die Integration von Achtsamkeit in den pädagogischen Alltag bietet zahlreiche Vorteile:
Verbesserte Konzentration: Kinder, die regelmäßig Achtsamkeitsübungen praktizieren, zeigen oft eine höhere Konzentrationsfähigkeit.
Reduzierter Stress: Achtsamkeit kann helfen, Stress und Angst abzubauen, was zu einem besseren Lernumfeld führt.
Stärkung der sozialen Fähigkeiten: Achtsamkeit fördert Empathie und Mitgefühl, was die Beziehungen verbessert.
Erhöhte Resilienz: Kinder lernen, mit Herausforderungen besser umzugehen und Rückschläge zu akzeptieren.
Fazit
Achtsamkeit ist ein unverzichtbarer Bestandteil im pädagogischen Alltag. Sie fördert nicht nur das Wohlbefinden der Fachkräfte, sondern auch das der Kinder. Durch gezielte Achtsamkeitspraxis können sowohl persönliche als auch berufliche Herausforderungen besser bewältigt werden. In einer Zeit, in der Stress und Überforderung allgegenwärtig sind, ist es entscheidend, Achtsamkeit als Werkzeug zur Selbstfürsorge und zur Förderung einer positiven Lernumgebung zu nutzen.
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Literatur
Kabat-Zinn, J. (2012). Das Abenteuer Achtsamkeit: Wie Sie Weisheit für Körper, Geist und Seele entwickeln. Arbor. [S. 9]
Ricard, M. (2012). Achtsamkeit – ein Zustand vollkommener Einfachheit. In M. Zimmermann, C. Spitz & S. Schmidt (Hrsg.), Achtsamkeit: Ein buddhistisches Konzept erobert die Wissenschaft (S. 49–67). Huber; Hogrefe. [S. 49]
Altner, N. (2009). Achtsam mit Kindern leben: Wie wir uns die Freude am Lernen erhalten. Ein Entdeckungsbuch. Kösel. [S. 13]
Michaelsen, M. M. & Esch, T. (2021). Die neuronale Basis von Meditation und Achtsamkeit im Bildungskontext. In T. Iwers & C. Roloff (Hrsg.), Achtsamkeit in Bildungsprozessen: Professionalisierung und Praxis (S. 65–82). Springer. [S. 65]
Kaltwasser, V. (2012). Achtsamkeit in der Schule. In M. Zimmermann, C. Spitz & S. Schmidt (Hrsg.), Achtsamkeit: Ein buddhistisches Konzept erobert die Wissenschaft (S. 68–92). Huber; Hogrefe. [S. 68]
Deutsches Jugendinstitut/Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (Hrsg.) (2020): Gesundheitsförderung in Kitas. Grundlagen für die kompetenzorientierte Weiterbildung. WiFF Wegweiser Weiterbildung, Band 14. München. [S. 40]



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