
Generation Alpha – Werden diese Kinder missverstanden?
- Heinrich Wood

- 10. Juli
- 4 Min. Lesezeit
“Die Kinder von heute können sich nicht mehr konzentrieren.”“Sie hängen nur noch am Tablet.”“Früher sind wir den ganzen Tag draußen gewesen.”Solche Sätze höre ich beinahe täglich. Und wenn ich ehrlich bin, frage ich mich jedes Mal: Haben wir diese Diskussion nicht schon einmal geführt?
Seit Jahrhunderten beklagen Erwachsene den Zustand der nachfolgenden Generation. Schon in der Antike finden sich Aussagen, die sinngemäß lauten: “Die Jugend respektiert ihre Älteren nicht mehr.”Später hieß es, das Fernsehen mache Kinder träge. Dann waren es Computerspiele, das Internet, Smartphones oder soziale Medien. Heute ist es die Generation Alpha (Jahrgang: ab ~ 2012)
Als Fachreferent der frühen Bildung und Kindheitspädagoge beschäftige ich mich täglich mit Kindern, Familien und pädagogischen Fachkräften. Dabei fällt mir etwas auf, das erstaunlich selten thematisiert wird. Ich sehe nämlich keineswegs ausschließlich Kinder, die in einer digitalen Welt versinken.
Ich sehe Vorschulkinder, die morgens mit dem Skateboard oder Roller in den Kindergarten kommen. Ich sehe Grundschulkinder, die mit Begeisterung Fußball spielen. Ich sehe Pokémon-Karten, die auf den Tischen getauscht werden. Ich sehe Beyblades, Murmelbahnen, Bausteine, Rollenspiele und Kinder, die stundenlang im Garten spielen. Und ich sehe Kinder, die im Winter manchmal immer noch genauso dick eingepackt sind wie wir es die Kinder der 90er-Jahre waren.
Diese Bilder passen eigentlich gar nicht zu dem Klischee einer Generation, die ausschließlich vor Bildschirmen sitzt. Vielleicht liegt das daran, dass wir einen entscheidenden Faktor unterschätzen.
Die meisten Eltern der Generation Alpha gehören heute selbst zur Generation der Millennials. Sie sind in den 80er- und 90er-Jahren groß geworden. Ihre Kindheit war geprägt von Dingen, die vielen Kindern heute fast nostalgisch erscheinen: Nachmittage draußen. Fahrradtouren ohne GPS. Kassetten. Game Boy. Pokémon. Skateboards. Fußball auf dem Bolzplatz. Langeweile. Freundschaften ohne Messenger.
Natürlich gab es auch damals Herausforderungen. Aber eines gab es nicht: Smartphones, die das gesamte gesellschaftliche Leben bestimmten.
Diese Erfahrungen verschwinden nicht, sobald Menschen Eltern werden. Im Gegenteil. Ich glaube, viele Millennials geben heute genau diese Kindheit bewusst weiter. Nicht aus Nostalgie, sondern weil sie wissen, wie wertvoll diese Erfahrungen waren.
Vielleicht deshalb boomt das gemeinsame Brettspielen. Vielleicht deshalb erleben klassische Outdoor-Spielzeuge ein Comeback. Vielleicht deshalb melden Eltern ihre Kinder wieder häufiger in Sportvereinen an oder verbringen bewusst Zeit im Wald. Vielleicht deshalb kaufen viele ihren Kindern genau die Spiele, mit denen sie selbst aufgewachsen sind. Nicht weil früher alles besser war, sondern weil manches zeitlos gut ist.
Zwischen Millennials und Generation Alpha steht noch eine weitere spannende Generation: die Generation Z (Kinder der 2000er). Sie kennt die analoge Welt oft noch aus ihrer frühen Kindheit. Sie erinnert sich an Klapphandys, MP3-Player und die ersten sozialen Netzwerke. Gleichzeitig ist sie mit Smartphones und sozialen Medien erwachsen geworden. Sie versteht beide Welten. Vielleicht wird genau sie deshalb eine wichtige Vermittlerin zwischen analoger Erfahrung und digitaler Zukunft. Ich selbst bin 1997 geboren und gehöre damit der Generation Z an. Aufgewachsen bin ich in den 2000er-Jahren – in einer Zeit, in der das Leben zwar zunehmend digital wurde, Smartphones aber noch längst nicht selbstverständlich waren. Meine Kindheit fand draußen statt. Ich spielte mit Freunden, war auf dem Fußballplatz unterwegs und erlebte vieles von dem, was auch die Millennials mit ihrer Kindheit verbinden.
Mein erstes Handy war kein Smartphone, sondern ein Sony Ericsson – damals eines der typischen Handys dieser Zeit. Als die ersten Smartphones ihren Siegeszug antraten, war ich bereits fast erwachsen. Ich bin also nicht mit einem Smartphone aufgewachsen, sondern habe den Wandel vom analogen zum digitalen Alltag bewusst miterlebt. Vielleicht ist genau das die Besonderheit meiner Generation: Wir kennen beide Welten und können zwischen ihnen vermitteln.
Ja, Kinder wachsen heute mit Künstlicher Intelligenz auf. Ja, Tablets und digitale Medien gehören selbstverständlich zu ihrer Lebenswelt. Und ja, diese Entwicklung stellt Familien und pädagogische Einrichtungen vor neue Herausforderungen. Aber bedeutet das automatisch, dass Kindheit schlechter geworden ist?
Ich glaube nicht.
Kindheit verändert sich. So wie sie sich schon immer verändert hat.
Kinder brauchen heute genauso wie früher: Zeit. Beziehungen. Bewegung. Spiel. Vertrauen. Neugier. Diese Bedürfnisse haben sich seit Jahrhunderten kaum verändert. Lediglich die Welt um sie herum hat sich verändert.
Wenn wir über Generation Alpha diskutieren, reden wir häufig über Tablets, Smartphones und Bildschirmzeit. Vielleicht sollten wir stattdessen mehr über uns Erwachsene sprechen. Denn Kinder lernen nicht in erster Linie durch Technologie. Sie lernen durch Beziehungen. Sie lernen durch Vorbilder. Sie lernen durch gemeinsame Erfahrungen.
Wenn heute viele Kinder der Generation Alpha Skateboard fahren, Kleidung im Stil der 90er tragen, Pokémon-Karten sammeln oder wieder mit Begeisterung Bücher lesen, dann ist das kaum ein Zufall. Es zeigt, wie sehr Eltern ihre eigene Kindheit – bewusst oder unbewusst – an die nächste Generation weitergeben.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Stärke der Generation Alpha. Sie muss sich nicht zwischen analog und digital entscheiden. Sie darf beides erleben.
Als Kindheitspädagoge wünsche ich mir deshalb, dass wir aufhören, Generationen vorschnell zu bewerten. Jede Generation wächst unter anderen Bedingungen auf. Aber jede Generation bringt Potenziale mit. Nicht die Generation entscheidet über die Zukunft eines Kindes. Sondern die Erwachsenen, die dieses Kind begleiten.
Und vielleicht sollten wir genau dort unsere Aufmerksamkeit hinlenken.

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