
Märchen sind ein Kulturschatz – warum wir sie unseren Kindern weitergeben müssen

Aktualisiert: 21. Aug.
„Es war einmal …“
Drei Worte genügen – und plötzlich öffnet sich eine Tür in eine andere Welt. Eine Welt voller Zauber, Prüfungen, Gefahren, Mut, Hoffnung und wundersamer Wendungen. Eine Welt, in der das Unmögliche möglich wird und am Ende nicht selten das Gute über das Böse triumphiert.
Genau deshalb glaube ich: Wir sollten unseren Kindern Märchen nicht nehmen. Wir sollten sie ihnen erzählen.
Märchen sind ein Kulturschatz. Sie sind Teil unserer Geschichte, unserer Sprache und unserer kulturellen Erinnerung. Und doch begegnen ihnen heute immer wieder Vorbehalte.
Sie seien zu düster. Zu grausam. Nicht kindgerecht.
Alte Frauen werden zu Hexen, Prinzessinnen werden eingesperrt, Kinder geraten in Gefahr und manche Geschichten sind von Gewalt, Verlust oder großer Not geprägt. Und ja: Märchen sind nicht immer sanft.Aber vielleicht müssen Geschichten für Kinder auch nicht immer sanft sein.
Märchen erzählen von Angst – und davon, dass Angst überwunden werden kann. Sie erzählen von Ungerechtigkeit – und von der Hoffnung auf Gerechtigkeit. Sie erzählen von Prüfungen, Mut, Klugheit, Hilfsbereitschaft und Ausdauer. Und sehr häufig erzählen sie davon, dass das Böse am Ende nicht das letzte Wort behält.
Gerade darin liegt eine besondere Kraft.
Wenn wir heute von den Märchen der Brüder Grimm sprechen, denken viele sofort an Rotkäppchen, Schneewittchen, Rapunzel, Frau Holle oder Hänsel und Gretel. Doch Jacob und Wilhelm Grimm haben diese Geschichten nicht einfach erfunden.
Bereits ab 1806 begannen die Brüder, Märchen und Erzählungen zu sammeln. 1812 erschien der erste Band der „Kinder- und Hausmärchen“, 1815 folgte der zweite. Dabei griffen sie auf mündliche Überlieferungen ebenso zurück wie auf ältere schriftliche Quellen. Zu den wichtigen Erzählerinnen gehörte beispielsweise Dorothea Viehmann, daneben trugen unter anderem die Schwestern Hassenpflug und Dorothea Wild Geschichten bei.
Das bedeutet auch: Wenn wir heute ein Grimm-Märchen lesen, lesen wir ein Stück Literaturgeschichte – und zugleich das Ergebnis eines langen Prozesses des Erzählens, Sammelns und Weiterentwickelns. Was für ein Schatz! Aber kennen wir eigentlich noch die weniger bekannten Märchen? Wenn wir Kindern Märchen näherbringen, landen wir sehr schnell bei den großen Klassikern. Das ist wunderbar. Aber vielleicht lohnt es sich, gelegentlich einen Schritt weiterzugehen.
Denn neben den weltbekannten Geschichten gibt es zahlreiche Märchen, die heute kaum noch erzählt werden. „Die Kristallkugel“, „Der Meisterdieb“ oder „Die Schwester Marleen“ beispielsweise sind Geschichten, die ebenfalls entdeckt werden wollen. Und mein ganz persönlicher Favorit? „Tischlein deck dich!“
Ich habe viele Märchen sehr gerne – aber dieses ist für mich etwas ganz Besonderes. Vielleicht, weil Märchen nicht nur von Prinzessinnen und Prinzen handeln. Sie erzählen von Menschen mit Wünschen, Fehlern, Ängsten, Hoffnungen und Sehnsüchten. Und genau deshalb können Kinder in ihnen so viel entdecken. Als Pädagoge würde ich allerdings auch nicht sagen: „Nehmen wir einfach irgendein altes Märchenbuch und lesen alles genauso vor.“ Ein genauer Blick lohnt sich. Gerade ältere Ausgaben enthalten eine Sprache, die für Kinder heute nicht immer leicht verständlich ist. Manche Begriffe sind veraltet, manche Formulierungen müssen erklärt oder vorsichtig in eine verständliche Sprache übertragen werden. Auch die Inhalte selbst sollte man kennen. Was erzähle ich hier eigentlich?
Was könnte ein Kind beschäftigen? Welche Fragen könnten entstehen? Wo braucht es vielleicht eine Erklärung? Das bedeutet für mich aber nicht, Märchen auszusortieren. Wenn wir Kindern Märchen näherbringen, finde ich einen Gedanken besonders wichtig: Sie sollten zunächst die ursprüngliche Geschichte kennenlernen, bevor wir uns mit stark veränderten oder modernisierten Versionen beschäftigen. Gerade bei bekannten Märchen gibt es heute zahlreiche Bearbeitungen, die sich teilweise sehr weit von den überlieferten Erzählungen entfernen. Walt Disney hat beispielsweise viele Märchen für ein neues Publikum adaptiert und dabei Figuren, Handlungen und teilweise auch die Aussage der Geschichten verändert. Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes – solche Interpretationen können spannend, unterhaltsam und für Kinder sehr ansprechend sein. Aber sie sind eben Interpretationen. Deshalb sollten wir nicht die Bearbeitung mit dem eigentlichen Märchen verwechseln. Wenn ein Kind zuerst die ursprüngliche Geschichte kennenlernt, kann es später viel besser entdecken: Was wurde verändert? Was ist gleich geblieben? Warum erzählt man dieselbe Geschichte plötzlich anders? Genau darin steckt wiederum eine wunderbare Möglichkeit für Sprachbildung, kulturelles Lernen und kritisches Denken. Erst das Märchen – dann die Interpretation.
Und interessant ist: Auch die Brüder Grimm selbst haben ihre Märchen im Laufe der Zeit immer wieder überarbeitet. Wilhelm Grimm strich beispielsweise in späteren Fassungen besonders rohe oder anstößige Passagen und veränderte die Texte zunehmend in Richtung einer kindgerechteren und pädagogischeren Darstellung.
Märchen waren also schon damals keine völlig unveränderlichen Texte. Sie wurden erzählt, aufgeschrieben, verändert und weitergegeben.
Und genau das tun wir heute ebenfalls.
Für mich sind Märchen allerdings nicht nur ein pädagogisches Thema. Sie sind Kindheit.
Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie meine Oma mir als Kind fast jeden Abend aus einem alten Grimms-Märchenbuch vorgelesen hat. Ein Märchen nach dem anderen.
Frau Holle.
Rapunzel.
Schneewittchen.
Und viele andere.
Dieses Buch ist für mich deshalb mehr als ein altes Buch. Es ist ein Stück Familiengeschichte.
Vor einiger Zeit habe ich meine Oma wieder besucht – und dort habe ich dieses alte Märchenbuch wiedergefunden. Ein Buch aus dem Jahr 1939. Ich schlug es auf und blätterte darin.
Und plötzlich waren sie wieder da: diese Erinnerungen an meine Kindheit. An dieses besondere Gefühl, wenn eine Geschichte einen für einen Moment aus dem Alltag entführt.
Aber dann erzählte mir meine Oma noch etwas, das dieses Buch für mich heute zu etwas ganz Besonderem macht. Sie hatte es als Kind zu Weihnachten bekommen. Ihre Eltern waren arm und konnten sich nicht viel leisten. Sie hatte sich so sehr ein Märchenbuch gewünscht, dass sie immer wieder darum gebeten hatte. Und schließlich bekam sie es. Dafür musste sie jedoch ihre geliebte Puppe hergeben. Sie hat es trotzdem getan. Denn dieses Märchenbuch war ihr wichtig. Und sie hat es – im wahrsten Sinne des Wortes – verschlungen.
Vielleicht erklärt das auch, warum Bücher und Geschichten manchmal eine Bedeutung bekommen, die weit über das hinausgeht, was zwischen ihren Buchdeckeln steht. Dieses Buch erzählt nicht nur Märchen. Und heute erzählt es ein Stück meiner eigenen Geschichte weiter.
Vor Kurzem hatte ich in einer kleinen Buchhandlung in der Kleinstadt Roth ein Gespräch, das mich noch lange beschäftigt hat. Der Buchhändler, der diesen Beruf seit rund 40 Jahren ausübt, erzählte mir von den Veränderungen, die er über die Jahrzehnte im Buchmarkt beobachtet hat.
Wir sprachen über Kinderbücher, Märchen, Sachbücher und Wimmelbücher – über Bücher also, die für viele Generationen ganz selbstverständlich zur Kindheit gehört haben. Doch vieles davon wird heute deutlich weniger gekauft. Besonders Märchen sind längst nicht mehr so präsent, wie sie es einmal waren. Und auch Kinder- und Jugendbücher verkaufen sich spürbar weniger.
Als er mir seine Kinder- und Jugendbuchabteilung zeigte, lag in seiner Stimme eine gewisse Wehmut. Dann sagte er einen Satz, der mir im Gedächtnis geblieben ist: „Da hinten ist unsere Kinder- und Jugendbuchabteilung. Sie sind seit Langem der Erste, der hier reinkommt. Hier verkauft sich nämlich so gut wie gar nichts – und das Licht bleibt meistens aus.“ Dieser Satz hat mich berührt. Denn hinter den rückläufigen Verkaufszahlen steht eine Entwicklung, die weit über den Buchhandel hinausgeht: Immer weniger Kinder lesen selbst – und immer weniger Eltern lesen ihren Kindern vor. Gerade bei Märchen finde ich diese Entwicklung besonders schade.
Denn Märchen sind weit mehr als alte Geschichten, die irgendwann einmal für Kinder aufgeschrieben wurden. Sie gehören zu unserem kulturellen Gedächtnis. Sie erzählen von Mut und Angst, von Gut und Böse, von Hoffnung, Verlust, Gerechtigkeit, Neid, Liebe und davon, dass selbst in scheinbar aussichtslosen Situationen etwas Unerwartetes geschehen kann. Wer ein Märchen liest oder vorgelesen bekommt, begegnet nicht nur einer Geschichte. Er begegnet Bildern und Figuren, die sich über Generationen hinweg in unser kulturelles Gedächtnis eingeschrieben haben.
Ich möchte deshalb trotz allem optimistisch bleiben. Vielleicht ist es noch nicht zu spät. Vielleicht gibt es sogar einen Weg zurück zu diesen alten Geschichten – nicht zurück in eine vergangene Zeit, sondern hin zu einer neuen Wertschätzung für das, was sie uns schenken können. Denn ein Kulturschatz bleibt nur dann lebendig, wenn wir ihn weitergeben.
Und vielleicht beginnt das ganz einfach: mit einem Buch, das wir aufschlagen. Mit einem Märchen, das wir vorlesen. Und mit einem Kind, das gespannt zuhört.
Was passiert, wenn wir aufhören zu erzählen?
Vielleicht ist das die Frage, die mich an diesem Thema am meisten beschäftigt. Was passiert, wenn wir anfangen, Kulturgut nicht mehr weiterzugeben, weil wir Angst davor haben? Wenn wir sagen: „Das ist zu alt.“ „Das ist zu grausam.“ „Das verstehen Kinder heute nicht mehr.“ „Das ist nicht mehr zeitgemäß.“ Vielleicht verlieren wir dann irgendwann mehr als nur ein paar Geschichten. Wir verlieren Bilder, Sprache, Figuren, Motive und Erzählungen, die Menschen über Generationen begleitet haben.Natürlich müssen wir nicht jedes Märchen unreflektiert weitergeben. Aber wir sollten auch nicht aus Angst vor einzelnen schwierigen Stellen auf den gesamten Schatz verzichten. Denn für was sind Märchen da? Sie wurden weitererzählt. Von einer Generation an die nächste. Und vielleicht liegt genau darin ihre größte Stärke. Märchen sind nicht nur für Kinder.
Als ich das alte Märchenbuch wieder in den Händen hielt, wurde mir noch etwas bewusst: Das, was mich als Kind an Märchen begeistert hat, begeistert mich als Erwachsenen noch immer. Vielleicht sogar auf eine andere Art. Als Kind sehe ich die Hexe, den Wald, den Zauber und das Abenteuer. Als Erwachsener sehe ich zusätzlich die Sehnsucht, die Angst, die Hoffnung, die Konflikte und die menschlichen Erfahrungen, die hinter diesen Geschichten liegen. Märchen wachsen vielleicht ein Stück weit mit uns mit. Und deshalb sind sie nicht nur für Kinder. Märchen sind für alle, die noch träumen möchten. Für alle, die gerne in Geschichten eintauchen. Für alle, die für einen Moment eine Welt betreten möchten, die uns gleichzeitig so nah und so fern ist. Eine Welt, in der ein Wald voller Geheimnisse sein kann.
In der ein Tisch sich von selbst deckt. In der eine Kristallkugel den Weg weisen kann. Und in der am Ende vielleicht doch das Gute gewinnt.


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